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Die gute Ware für den Westen - Porzelanstandort Freienorla bei Kahla in Thüringen
Wenn Herr Maak vom frisch gegründeten Geschichts- und Heimatverein Freienorla e.V. dieses Porzellan in die Hand nimmt leuchten seine Augen.

Zeitenspringer Paul und Herr Maak
Er umfühlt die feinen Linien und geht vor seinem geistigen Auge die anspruchsvollen, anstrengenden und präzisen Schritte durch, die es brauchte um die Suppenteller und Saucieren in Handarbeit zu fertigen, bevor auf Ihnen unzählige Thrüinger Klöße und Braten landen würden.
Paul, 15 Jahre aus der 9. Klasse der Regelschule Kahla sitzt ihm skeptisch gegenüber. Er untersucht gemeinsam mit Lisa, 18 Jahre aus der 12. Klasse des Gymnasiums "Den Fabrikstandort Freienorla" in einem relativ kleinen Zeitenspringer Team.
"Meine Oma hat hier gearbeitet, leider lebt sie nicht mehr, da wollte ich herausfinden, wie und wo sie gearbeitet hat." berichtet Paul über seine Motive der Recherche. Das Team hat bereits 7 Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern geführt und viel herausgefunden. Paul fasziniert wie knochenhart die Arbeit damals war. Unglaubliche Mengen an Kohle mussten vom Bahnwaggon am Bahnhof in die Fabrik transportiert werden. Das geschah meist am Wochenende. "Da musste jeder ran. Egal ob Mann oder Frau. Viele in der Fabrik hatten in dem Sinne keine Jahrelange Ausbildung, sondern wurden schnell eingearbeitet. Bis auf die Maler. Die mussten das schon ganz genau lernen." erzählt Paul, während er vorsichtig über die unglaublich feine, goldene Verzierung auf dem Teller vor sich streicht.
"Die Öfen damals waren so heiß, da gab es gar kein Thermometer für. Die dann mit Kohle auf diese Leistung zu bringen, das war ganz sicher ganz schwer." erklärt er weiter.
Einer dieser Öfen, kreisrund, von gut 10 Metern Durchmesser steht heute noch auf dem ehemaligen Betriebsgelände in Freienorla, das nach der Enteignung durch die Nazis nach dem Krieg Eigentum der DDR wurde. Heute werden auf dem Gelände große Planen hergestellt, Autos verkauft und repariert. Der große, weiße, mächtige Ofen ist heute umringt von Autozubehör, Reifen und anderen KFZ Ersatzteilen. Sein einstiges "heißes Herz" dient heute als Lager für die KFZ Werkstatt.

Der alte Keramikofen, heute KFZ Teile Lager
"Genau hier wollen wir unsere Ergebnisse auch zusammentragen und ausstellen. Da gibt es aber noch einiges zu tun. Wir müssen die Interviews noch aufschreiben, die Materialien ordnen und dann auch eine Power Point erstellen. Ich möchte das auch für mein Praxisprojekt an der Schule nutzen. Eine Vitrine soll es auch noch geben und zur Ausstellung nach Erfurt kommt sogar ein Zeitzeuge mit, der das Porzelanzeichnen immer noch beherrscht." berichtet Paul. Das Porzellan Handwerk hat in der Region Tradition. Allein in und um Freienorla hatten die Fabriken bis zu 300 Mitarbeiter.
"Wenn die Menschen heute darüber berichten, wissen sie zwar noch wie schwer es war, aber sie waren auch froh, das sie Arbeit hatten." weiss Herr Maak vom Geschichtsverein. "Die gute Ware ging damals in den Westen, in die Schweiz oder nach Kanada, der Rest in die Bruderländer der DDR, z.B. in die damalige Sowjetunion und Polen." ereuhr er bei seinen Recherchen.

Stempel auf der Unterseite
Unverkennbar ist die Herkunft der Produkte aus der Keramikindustrie durch die Stempel auf der Unterseite. Sie bürgen für die Qualität und sind Garant für hochwertige Wertarbeit "Made in GDR". "Wir wollen die Stempel abfotografieren, vergrößern und ebenfalls ausstellen. Wie eine Urkunde könnte das aussehen." freut sich Paul auf die bevorstehenden Ergebnisse und Früchte monatelanger Arbeit. "Und es ist doch auch eine tolle Erinnerung an diese schwierige Arbeit, die in jedes einzelne Teil hier geflossen ist. Wie die damals diese filigranen Linien hier mit der Hand hinbekommen haben ist mir allerdings bis heute schleierhaft." sagt er und schließt den Deckel des Suppentopfs der vor ihm steht ganz vorsichtig wieder. Vielleicht findet er und viele andere auch, eine Antwort auf diese oder jene Frage beim 6. Thüringer Jugendgeschichtstag im Erfurter Landtag. Ein Zeitzeuge wird es zeigen...
Text & Bild: André Neumann




